Wundertütenkind

Der Herr Lehrer

Meine Schulzeit war wirklich keine Glanzzeit. Meist trabte ich frühmorgens lustlos in Richtung des alten Schulhauses. Ich ließ mir Zeit, da mich sowieso nichts in das düstere graue Gebäude zog. Nicht nur, dass mir das stundenlange Stillsitzen schwer fiel, nein, auch dass der Herr Lehrer mich ganz offensichtlich nicht leiden konnte, hob nicht gerade meine Stimmung auf diesem Weg.

Der Herr Lehrer, wie wir ihn nennen mussten, hatte mich zu einem Problemfall erklärt. Das Dilemma begann bereits mit seiner Anrede. Da ich in der frühen Phase meines Lebens die Buchstaben e und i wie den Buchstaben ö aussprach, redete ich den Herrn Lehrer mit Hörrn Löhrör an, was ihn sehr ärgerte. Noch dazu war ich ihm zu aufmüpfig und zu vorwitzig. Ich hörte einmal, wie er mich bei Vater als eine „respektlose Rotznase“ bezeichnete. Der springende Punkt in meiner Beziehung zum Hörrn Löhrör war, dass wenn ich etwas nicht einsah, so tat ich es nicht. Da nutzte auch das Androhen von Strafen nichts. Viele Stunden meiner ersten Schuljahre verbrachte ich deshalb in einer Ecke der Schulstube, mit dem Gesicht zur Wand stehend. Das war die übliche Strafe für Ungehorsam.

Das freie Leben auf dem Hof mit Großvater hatte mich geprägt. Er war es, der mir Rückenstärke vorlebte. Wenn ich bei ihm im Stall auf den Strohballen saß und ihm bei seiner Arbeit zusah, vermittelte er mir seine Weltanschauung. Einer seiner wichtigsten Leitsätze war, niemals aufzugeben, wenn man sich im Recht fühlte. Großvater vertrat ohnehin den Standpunkt, dass der Lehrer uns alle zu Duckmäusern erziehen würde und dass die Schule vom Prinzip her darauf angelegt wäre, uns Kindern das Rückgrat zu brechen. Noch dazu sei das meiste, was in der Schule gelehrt werde, für das wirkliche Leben sowieso gänzlich unbrauchbar.
Einmal, als ich völlig aufgelöst und weinend nach Hause kam, lief Großvater in seiner Stallkleidung – die derben Stiefel waren voller Dreck, die ausgebeulte Hose geflickt und die alte Strickjacke mit verschiedenfarbiger Wolle verlängert – in das Schulhaus, um dem Hörrn Löhrör mal ordentlich die Meinung zu sagen. Großmutter jammerte daraufhin, dass wir jetzt alle blamiert seien. Denn Großvater hätte sich, bevor er zu dem Herrn Lehrer ging, waschen und umziehen müssen. Aber Großvater verkündete, dass er nicht einsehe, dass man sich waschen müsse, um jemandem mal den Marsch zu blasen, das ginge ungewaschen genauso gut.

Der Grund für meine Tränen war die alljährliche Vergabe der Musiknoten. Da in unserer kleinen Dorfschule kein richtiger Musikunterricht stattfand, dennoch aber eine Note für das Zeugnis notwendig wurde, hielt der Hörr Löhrör vor jeder Zeugnisausgabe ein Vorsingen in der Schule ab. Ich, die gänzlich Unmusikalische, hatte immer große Angst vor dieser Aktion. Der Hörr Löhrör führte mich bei diesem Vorsingen regelrecht vor. Kam die Reihe an mich, so sagte ich zwar laut und deutlich, dass ich nicht singen könne, aber der Hörr Löhrör bestand auf meinen Vortrag. Für die Schüler, welche singen konnten, war es eine Freude, vor der Tafel stehend ein Lied vorzutragen. Für mich jedoch war es die reinste Qual, und ich wünschte mir, dass der alte dunkelbraune Holzdielenboden sich unter meinen Füßen auftäte und mich augenblicklich verschlucken würde.

Die anderen Schüler bogen sich vor Lachen und machten ihre Witze über mich. War diese Pein nach für mich schier unendlichen Minuten vorüber, strich sich der Hörr Löhrör erst einmal in aller Ruhe über das Haar, lächelte dabei süffisant, sagte einen Moment kein einziges Wort, um dann im genüsslichen Ton laut und deutlich festzustellen: „Monika! Wie immer: Setzen! Note sechs.“ Nach dieser erniedrigenden Notenvergabe bedurfte es stets ein paar Tage, bis ich wieder aufgebaut war. Die empfundene Scham saß jedes Mal ganz tief. …

Große Ferien

… im Laden war viel los, schließlich war Einweckzeit. Unmengen Pakete Zucker, Beutelchen mit Weinstein, Zitronensäure oder auch Einweckgläser und Gummiringe wurden über die Ladentheke gereicht. In unserem Dorf gab es wohl kein Haus, in welchem man zu dieser Zeit nicht für den langen Winter vorsorgte. Überall wurden große Mengen Obst und auch Gemüse verarbeitet. Jetzt galt es, die Regale in den Kellern und auf Dachböden zu füllen.

Von einem Fuß auf den anderen wechselnd, denn die endlose Warterei entsprach keinesfalls meinem unruhigen Wesen, betrachtete ich die Auslagen in dem kleinen Schaukasten. Es handelte sich zum großen Teil um Geschenkpackungen mit Stofftaschentüchern. Die für Männer waren groß und bunt kariert und die für Frauen erheblich kleiner und mit zierlichen Blumenmustern bestickt. Mir ging die Frage durch den Kopf, wieso eigentlich Männer so riesige Taschentücher brauchten, während Frauen nur so kleine bekamen? Eigentlich unterschieden sich die Nasen doch auch nicht so extrem, ja oft hatten die Frauen, die ich kannte, sogar größere Nasen als ihre Männer.

Des Weiteren befanden sich noch einige bunte Sammeltassen und ein Salzstangenständer mit rotem Plastikgestell hinter der Glasscheibe. Sammeltassen hasste ich ungefähr genauso wie Wirsinggemüse. Leider war es in Mode, einem Mädchen zum Geburtstag eine Sammeltasse mit dem Hinweis „Für die Aussteuer, schließlich heiratest du ja mal!“ zu schenken. War mir doch egal, ob ich, wenn ich in Urzeiten vielleicht einmal heiraten würde, so blöde Tassen hätte!

Der dicke Wilhelm riss mich aus meinen Gedanken, indem er rief: „Was kriegst du Rotznase denn?“ Darauf lachte er wiehernd wie ein Pferd kurz vorm Haferkasten. Der große rote Bleistift hinter seinem Ohr wippte dabei hin und her. Großvater hatte einmal gesagt: „Der Wilhelm vom Laden soll seine Späße auf seine eigenen Kosten machen.“ Daran erinnerte ich mich gerade, und so verkündete ich laut und deutlich: „Mach deine Späße auf deine eigene Kosten.“

Im Laden wurde es ganz still, und der dicke Wilhelm schnappte nach Luft wie ein Fisch an Land. Als er sich von seinem Schrecken erholt hatte, schaute er mich mit einem bedauernden Blick an, schüttelte den Kopf und sagte mit bedächtiger Predigerstimme: „Das kommt davon, wenn Mädchen Hosen tragen, was soll aus dir nur mal werden? Sicher kommt da nichts Gutes bei raus.“

Eine Frau aus der Schlange hinter mir rief: „Lass sie in Ruhe, die ist schon richtig.“ Das gab mir wieder Aufwind, und so verlangte ich mit fester Stimme ein Drei-Pfund-Brot, ein Paket Salz und eine Wundertüte. Der Wilhelm schrieb die Preise der drei Artikel mit seinem dicken Bleistift auf einen Block sorgfältig untereinander, um sie zu addieren. Obwohl ich ein Mädchen war, Hosen anhatte und angeblich bei mir nichts Gutes herauskommen sollte, rechnete ich den Betrag schneller im Kopf zusammen als er mit gewichtiger Miene auf seinem Zettel.

Draußen setzte ich mich auf die Treppe vor dem Laden, um endlich meine Wundertüte zu öffnen. In Erwartung, was wohl dieses Mal herauskomme, kribbelte es mir sogar ein bisschen im Magen. Ich zögerte den Moment des Öffnens noch ein klein wenig hinaus, denn das steigerte die Spannung. Ich hielt es aber nicht lange aus und riss das Tütchen mit einem kräftigen Ruck auf. Zwischen den bunten Popcornkörnern lugte etwas leuchtend Olivgrünes hervor. Ich griff hinein und hielt kurz darauf einen Plastiksoldaten in meiner Hand. Sah der hässlich aus! Ich stopfte mir das Popcorn alles auf einmal in den Mund und überlegte, was mit diesem blöden Ding anzufangen sei.

Es blieb nur eins: Der Soldat musste gegen etwas Brauchbares eingetauscht werden. Das sollte keine Schwierigkeit darstellen, da mein Cousin Klaus aus der Stadt derzeit als Ferienkind bei uns weilte. Kläuschen war zwar ein bisschen schwer von Begriff, aber ihm würde ich das Ding schon andrehen. Erst gestern hatte er mich gefragt, ob die Milch wirklich aus den Kühen und nicht aus der Flasche kommen würde. Als Antwort auf seine Frage nahm ich ihn mit in den Kuhstall, wo ich ihn bat, sich mit weit geöffnetem Mund unter Großvaters Lieblingskuh Lisa zu legen. Dieser zog ich dann kräftig am Euter, sodass ein dicker Strahl kuhwarmer Milch leider nicht in den Mund von Kläuschen, aber doch über sein Gesicht schoss. Großvater, der den Stall betrat als die Prozedur gerade stattfand, lachte, als er uns erblickte, solange bis er einen mächtigen Schluckauf bekam.

Auf dem Heimweg durch das Weidengässchen pfiff ich vor mich hin und schlenderte mit der Einkaufstasche, aus welcher das frisch gebackene Brot so verführerisch duftete, dass ich mich nicht beherrschen konnte und die knusprige Kruste an beiden Enden abbiss. Das würde zu Hause zwar Ärger geben, aber das war mir dieser unvergleichliche Genuss wert. Ich musste meine Ohren nur auf Durchzug stellen, wenn sie anfingen, mich dafür auszuschimpfen. Nicht hinhören und an ganz etwas anderes denken, das war eine bewährte Methode, die ganz einfach ging.

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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Wundertütenkind U1
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Wundertütenkind U4
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