Welch eine Lust zu leben

Mit dem Betreten des Wartezimmers begab ich mich in eine andere Welt, die Welt der Patienten. Mir schauten gelangweilte, frustrierte Gesichter entgegen. Der Raum war überfüllt, schlecht gelüftet und absolut billig und geschmacklos eingerichtet. Es war ein Eintauchen in eine äußerst negative Umgebung. Ich verstehe nicht, wieso Ärzte, die doch wirklich gut verdienen, es nicht einmal nötig haben, ihr Wartezimmer freundlich, hell und einladend einzurichten. Es ist eine Unsitte unter den Medizinern, dass viele von ihnen ihre alten, verschlissenen Wohnzimmer-Sitzmöbel in ihre Wartezimmer stellen. Solch eine Ausstattung wählt kein anderer Unternehmer fiír den Warteraum seiner „Kunden“. Selbst in meiner Autowerkstatt gibt es eine gemütliche, gastfreundliche Sesselgruppe mit Kaffeemaschine und einer netten Sekretärin, die mich fragt, ob ich in der Wartezeit einen Kaffee oder ein Mineralwasser trinken möchte.

Nun zurück zu diesem Nachmittag und meinen Empfindungen: Ich war gerade mit dem Gedanken beschäftigt, dass es doch besonders in einer Arztpraxis auf eine angenehme Atmosphäre ankäme, da die Menschen, die hier saßen und warteten, ein bisschen Aufmunterung durch eine angenehme Umgebung sicherlich brauchen konnten, als eine Stimme im Kasernenhofton meinen Namen rief. Ich erschrak geradezu, ging zur Aufnahme und dachte dabei wieder an die freundliche Sekretärin in meiner Autowerkstatt. Hier herrschte wirklich kein Service.

Die nächste Hürde dieses Arztbesuches äußerte sich im Fehlen meiner Überweisung. Ich hatte sie vor Aufregung bei meinem Gynäkologen vergessen. Das wurde hier als schweres Vergehen angesehen und ich musste, nach einer unerbittlichen, ausführlichen Belehrung durch die Arzthelferin eine Erklärung unterschreiben. Die unfreundliche Dame zweifelte an meiner Glaubwürdigkeit, als ich versicherte, den Schein morgen vorbeizubringen. Auch ein Hinweis auf meine besondere Aufregung an diesem Tag brachte mir keine mildernden Umstände ein. In dieser Praxis bot sich mir nun die Gelegenheit, mich auf das einzustimmen, was mir in der Mehrzahl bei meiner zukünftigen Odyssee durch Arztpraxen und Kliniken begegnen sollte.

Als die Röntgenaufnahmen fertiggestellt waren, musste ich nochmals zwei geschlagene Stunden warten, bis ich den Arzt zu Gesicht bekam. Vielleicht dachte er, nach dem Wahlspruch von Marilyn Monroe: „Es kommt nicht darauf an, wie lange man wartet, sondern auf wen. “Er erklärte mir in zwei Minuten und zwei Sätzen, dass sich in meiner rechten Brust verdächtige Gewebeveränderungen befanden. Auf weiteres Nachfragen meinerseits erklärte er, das müsse ich alles mit meinem Gynäkologen besprechen, das sei nicht seine Aufgabe, und außerdem habe er jetzt auch keine Zeit dazu. Ziemlich verwirrt und mit vielen offenen Fragen verließ ich seine Praxis.

Wir Frauen haben das Glück, eine sogenannte „beste Freundin“ zu haben. Meine heißt Petra, und gerade sie fiel mir in meiner Not ein. Noch dazu hat sie den Vorteil, dass sie von Beruf Krankenschwester ist. Ich liebe Petra, weil sie jederzeit, wenn Probleme auftreten, eine ganz einfache Logik an den Tag legt und alles schlicht und einfach, aber sehr einleuchtend beurteilt. Petra war schon immer meine Beraterin. Vor meiner Ehe habe ich ein paar Jahre als Single gelebt, und hier und da diverse Männerprobleme mit Petra beratschlagt. Sie ist sozusagen mein Experten-Kommentar in wichtigen Lebensfragen. Nicht nur, dass sie eine große soziale Schläue besitzt, nein, sie weiß auch immer eine grandiose Lösung für alle Probleme dieser Welt. Mit hohem Tempo raste ich zu dem kleinen Villenviertel, in dem sie jetzt lebte, seit sie ihren Traum verwirklicht und einen Arzt geheiratet hat. Dementsprechend ist sie inzwischen Hausfrau und versorgt ihre vier Arztkinder.

Petra war gerade in ihrer eleganten Küche, stand Vor dem Herd und rührte in einer riesigen Pfanne mit Hackfleisch. Ich stellte mich neben sie und erzählte einfach. Nachdem ich geendet hatte, schaute Petra von der Pfanne hoch, strich sich mit einer energischen Geste ihre blonden Locken aus dem Gesicht, sah mich groß an und sagte mit all der ihr zur Verfügung stehenden Überzeugung: „Wie soll denn eine Frau wie du Krebs haben?“ Es klingt vielleicht merkwürdig, aber genau diesen Satz wollte ich hören und auch glauben.

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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