Unser Dorf ein Sommermärchen

Der Koch der Campinggaststätte wird verhaftet

Hauptkommissar Erich Meier steigt denkbar schlecht gelaunt in seinen Streifenwagen, heute ist so ein Tag, an dem er am liebsten im Bett geblieben wäre. Zu Hause ist nichts mehr, wie es war. Seine Gaby, die ihn immer so schön verwöhnte, springt nun mit einem verzückten Lächeln auf dem Gesicht um den englischen Lackaffen, diesen blöden Bobby, herum. Er würde es ja ganz nett finden, dass sie sich nun ein wenig mehr herausputzt und das Frühstück auch nicht mehr in diesem alten verblichenen Morgenmantel herrichtet, wenn er nicht ganz genau wüsste, dass all das nicht für ihn geschehe. Ja, das alte Kalb hatte sich sogar eine von diesen modischen Frisuren zugelegt. Seit Neuestem glänzen Gabys erste graue Strähnen in Zinnoberrot.

Überhaupt tut sich was bei der Hinterweidenbacher Damenschaft. Es ist nicht Gaby alleine, die sich nun beim Frisör verschönern lässt, sondern die Farbe der Saison, das verwegene Zinnoberrot, strahlt von etlichen Frauenköpfen des Dorfes.Überhaupt sehen viele jetzt wie runderneuert aus, überlegt Hauptkommissar Erich sich. Der Heiko vom Laden hat auch schon erzählt, dass sein kleines Kosmetikregal jetzt laufe wie die Sau, wenn’s zum Fressen ging. Ach ja, beim Heiko, da könnte er sich gerade noch ein Leberwurstbrötchen und eine Tageszeitung mitnehmen, fällt ihm ein, und so stoppt er den Wagen vor dem Laden. Als Erich sich wie gewohnt seine Tageszeitung „Der Hinterland Bote“ aus dem Rundständer vor dem Geschäft nehmen will, staunt er nicht wenig, der Ständer, der sonst zu einem großen Teil gähnende Leere aufweist, ist nun bis zum Bersten voll bestückt. Kaum zu glauben, aber wahr, es handelt sich tatsächlich um englische Zeitungen. Der Blick des Hauptkommissars fallt auf Blätter wie The Daily Mirror, The Sun, The Daily Telegraph. Bei dieser großen Anzahl keimt in ihm der Verdacht, dass zurzeit die Auswahl an englischen Zeitungen in Hinterweidenbach wohl größer ist als in englischen Ortschaften.

Als Hauptkommissar Erich sich gerade vornimmt, seinem Schützenfreund Heiko mal ein Lob für dessen Geschäftstüchtigkeit auszusprechen, klopft dieser ihm von hinten mit den Worten „Biste dienstlich unterwegs oder warum haste deine Mütze auf?“ kräftig auf die Schulter. Da fallt es Erich schlagartig wieder ein, dass er an diesem Morgen ja eine äußerst unangenehme amtliche Aufgabe erfüllen muss. An seinem Gesichtsausdruck kann Heiko ablesen, dass er voll ins Schwarze getroffen hat, und da er auf Neuigkeiten immer begierig ist, versucht er seinem Vereinskollegen zu entlocken, wo dieser denn hin will. Mit einem kurzen: „Sach schon“ fordert er ihn auf, das Dienstgeheimnis preiszugeben. Anfänglich druckst Erich herum, eigentlich darf er es ja wirklich niemandem sagen, dass er Harald-Herbert Schmidt, den Koch von der Campingplatzgaststätte, verhören und in der Kreisstadt zum Gefängnis bringen soll. Aber dann bricht es doch aus ihm heraus, und er offenbart:„Der blöde Hund ist mit seinen Unterhaltszahlungen in Verzug, und so hat die Uschi einen Vollstreckungsbefehl bewirkt, welchen der blöde Hund allerdings auch nicht bezahlt hat. Und mir obliegt jetzt die außerordentliche Aufgabe, den blöden Hund hopszunehmen. Die Angelegenheit ist mir so unangenehm, dass ich die ganze Nacht über kein Auge zugetan habe, schließlich ist es saumäßig peinlich, unseren Schützenvereinskollegen Harald-Herbeıt zu verhaften“, schließt er seinen Bericht. Zuerst äußert Heiko nichts. Er braucht einen Moment, um das Gehörte zu verdauen. Dann aber tut er seine Meinung, obwohl ihn niemand danach gefragt hat, kund.

Mit einem wissenden Augenaufschlag und die Zunge seitlich zwischen seine Lippen geklemmt erklärt er: „Erich, ich sach es dir, das Weib hat den Harald-Herbert reingelegt. Ist doch ganz klar, heutzutage, wo es die Pille und den anderen Kram alle gibt, da muss keine mehr schwanger werden, wenn ses nich will. Oder sie is wirklich zu doof, dann hat sie es aber auch nicht besser verdient.“ Heikos Ausführungen scheinen Erich aber nicht zu helfen, denn dieser stöhnt gequält auf und stellt fest: „Das bringt jetzt alles nichts. Ich muss als Amtsperson tätig werden, mir bleibt keine Wahl.“

In der Küche des Campingplatzes ist an diesem Morgen der Teufel los. Arthur, der Bäcker, hat schon in aller Frühe eine Unmenge Brötchen angeliefert. Es liegen bereits 300 Anmeldungen zum Frühstücksbüfett Vor. Der Duft von Kaffee und Tee wird von dem Bratengeruch des Schinkens und der Eier überlagert. Harald-Herbert ist kräftig am Rotieren, denn ständig kommen die beiden Bedienungen Babs und Jessica in die Küche gelaufen, um nachzufragen, wann denn endlich alles fertig sei. In diese Hektik platzt der Hauptkommissar Erich Meier hinein. Unsicher baut er sich vor Harald-Herbert auf und schiebt mit einer verlegenen Geste seine Dienstmütze ein wenig in die Höhe, um dann mit amtlichem Gesichtsausdruck zu sagen: „lch muss dich sprechen!“ „Geh mal ein bisschen zur Seite, du stehst mir im Weg“, erwidert Harald-Herbert hektisch und schiebt ihn mit einer Handbewegung vom Kühlschrank weg, um diesem einen großen Krug Milch zu entnehmen. Erich schluckt und verkündet erneut: „Herr Schmidt, ich muss Sie wirklich sprechen!!!“ Harald-Herbert schaut zu ihm hin und fragt: „Sag mal Erich, spinnst du jetzt‘?“ Da kommt Jessica wie ein frischer Wind in die Küche gefegt und ruft:„Beeil dich, die Tommys werden langsam ungeduldig!“

Harald-Herbert wischt sich mit dem blauen Küchentuch den Schweiß aus seinem Gesicht und bittet Erich: „Hilf mir mal schnell, das Rührei in die Schüssel zu füllen.“ Er reicht ihm bei dieser Aufforderung eine bombastisch große Edelstahlschüssel, die Erich aus Reflex heraus entgegennimmt. Der Koch Harald-Herbert schüttet mit einem kräftigen Ruck den gesamten Inhalt einer monströsen Pfanne in das von Erich gehaltene Behältnis und ermahnt: „Gut festhalten!“ Was nicht von selbst aus der Pfanne flutscht, kratzt Harald-Herbert mit unglaublich lauten Geräuschen mit einem Blechschaber ab. Zu Hauptkommissar Erich gewandt, sagt er: „Bring das Zeug doch schnell mal in den Gastraum, aber pass auf, dass du nicht hinfällst, wäre schade um die schönen Eier.“ Harald-Herbert bleibt sogar noch Zeit. über seinen Witz zu lachen. Es sieht schon recht merkwürdig aus, als der Hauptkommissar Erich Meier in Voller Dienstkleidung mit wippendem Pistolengürtel um den ausladenden Bauch durch das Lokal in Richtung Büfett trottet, um dort die gigantische große Schüssel mit Rührei abzustellen. Ein Engländer, der ihn erblickt, blinzelt mit den Augen, wohl um sich zu vergewissern, dass er richtig sieht, dann stößt er den Ruf: „Hard to believe but true, in Germany serve the Policemen“, aus.

Als Erich wieder in die Küche zurücktrabt, ist er fest entschlossen. seine Mission nun zu erfüllen. Er setzt an, um es Harald-Herbert, der gerade dabei ist, in aller Eile frische Eier in die Pfanne zu schlagen, endlich zu sagen:„Schau mal“, beginnt er einfühlsam seinen Satz. Erich kommt aber nicht weiter, denn Harald-Herbert blickt gestresst von seiner Arbeit hoch, um zu beteuern: „Ich habe jetzt wirklich keine Zeit für dich.“ Hauptkommissar Erich Meier räuspert sich laut, um dann mit erhobener Stimme erneut einen Versuch zu starten. Laut verkündet er nun: „Ich bin dienstlich hier!!!“ Harald-Herbert entgegnet: „Ja ja, Erich, is schon gut, nimm dir doch mal einen Kaffee, der steht da drüben, und setz dich damit einen Moment ins Lokal.“ Jetzt wird Erich so langsam wütend, denn er fühlt sich als Dienstperson nicht ernst genommen, und das ist sozusagen sein wunder Punkt. Aus diesem Grund schreit er jetzt überhaupt nicht mehr feinfühlig zu Harald-
Herbert hin: „Sie sind verhaftet!“

Als ob es sein Stichwort sei, betritt Bruno, der Chef der Campingplatzgaststätte,in diesem Moment gerade die Küche. Harald~Herbert, der mittlerweile wie ein Wilder Zwiebeln schneidet, scheint Erichs verzweifelten Ausruf überhaupt nicht gehört zu haben, denn mit hochrotem Kopf hackt er, ohne jegliche Regung, weiter auf die Knollen ein. Allerdings scheint Bruno Erichs verzweifelten Ausruf gehört zuhaben, Er fragt völlig verwirrt: „Wer ist hier verhaftet?“ Endlich kommt Erich zum Zug. Zu Bruno gewandt, erklärt er: „Muss den blöden Hund ins Kreisgefängnis bringen, zahlt keinen Unterhalt für den Bengel, den er der Uschi vom Wilden Eber angehangen hat.“ Bruno denkt panisch, das kann doch nicht wahr sein, noch nie habe ich meinen Koch dermaßen notwendig gebraucht, und nun will der Erich ihn mitnehmen. So appelliert er an Erich: „Mann, das kannste doch nicht machen!“ Und zu Harald-Herbert, der nun doch verdutzt von seinen Zwiebeln aufsieht, sagt er mit einem fragendem Blick: „Warum zahlst du denn auch nicht?“ „Sag ich doch, dass er ein blöder Hund ist“, stößt Erich ärgerlich hervor.

Harald-Herbert, der nun endlich kapiert, um was es geht, begehrt mit den Worten: „Weil der Bub ned von mir is“, auf, „Wie kommst du denn darauf`?“, will Bruno wissen. Erregt schnaubt Harald-Herbert: „Meine Mutter meint, dass er mir überhaupt nicht ähnlich sieht, und die Tante Martha hat das auch gesagt.“ Erich, der die leidliche Angelegenheit nun aber wirklich hinter sich bringen will, packt Harald-Herbert energisch am Arm und befiehlt: „Los komm mit, das wird das Gericht schon zu klären wissen.“ Bruno wird jetzt sichtlich nervös und fleht im lamentierenden Tonfall: „Erich, wir sind doch schon so lange Vereinskollegen, geht denn da nichts?“ Dieser, nun ganz Amtsperson, erwidert: „Nee, Bruno,«Schnaps is Schnaps, un Dienst ist Dienst!“ Da Harald-Herbert sich aber mir den Worten: „Freiwillig lass ich den Bruno nich im Stich“ weigert, mitzukommen, nimmt Hauptkommissar Erich die Handschellen von seinem Gürtel und legt sie dem verblüfften Harald-Herbert an, um ihn dann im wahrsten Sinne des Wortes abzuführen. Fassungslos schaut Bruno aus dem beschlagenen Küchenfenster zu, wie sein Vereinskollege Erich seinen Koch in den Streifenwagen schiebt.

©2008 Dr. Claudia Grimm
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