Sonnenschein im Tessin

Es passierte einfach! Zu unserem Haus im Tessin sind wir ungefähr so gekommen, wie ein Esel zu einer Ohrfeige. Wir hatten weder die Absicht noch das Geld, uns im Ausland oder gar im Tessin ein Domizil zu kaufen. Das Abenteuer begann gänzlich ohne Vorwarnung. Mein Mann Harald, unser Hund Blanco und ich machten Urlaub mit unserem altersschwachen Wohnwagen.Wir hatten uns für einen Campingplatz im Tessin entschieden. Dieser Campingplatz hieß nicht nur Paradiso, er war auch das reinste Paradies. Ein buntes Blütenmeer empfing uns. Der Wonnemonat Mai zeigte sich von seiner herrlichsten Seite. Nach dem üblichen umständlichen Einparkmanöver freuten wir uns, einen abgelegenen Stellplatz am Rand gefunden zu haben. Da wir zu Hause in einer sehr fruchtbaren Straße (insgesamt 35 Kinder jeglichen Alters) wohnten, entsprach diese unbelebte Ecke unserem akuten Ruhebedürfnis, in diesem äußeren Winkel fühlten wir uns nun sicher.

Schwer beladen mit Einkaufen aus dem Örtchen kamen wir nachmittags auf den Campingplatz zurück. Was war denn das??? Wir trauten unseren Augen kaum. Direkt neben unserem Wohnwagen stand ein leuchtend pinkfarbener Fiat Panda, und drum herum sprangen drei lebhafte Kinder, die ohrenbetäubend laut durcheinander schrien. Ein echter Schock für uns fröhliche Kinderhasser! Sogleich schmiedeten wir Pläne, wie wir uns die Kinder vom Leib halten könnten. Ich sagte zu Harald: „Weißt du was, jetzt heißt es nur nicht freundlich sein, sonst haben wir die am Ende noch den ganzen Urlaub über an der Backe.“ Harald stimmte mit einem heftigen Kopfnicken zu und bekräftige: „Ja klar, wir dürfen diese Rasselbande auf gar keinen Fall ermuntern, auf unsere Seite zu kommen. “Kurz drauf saßen wir in unseren gemütlichen Campingstühlen, schlürften einen Eiskaffee mit viel Vanilleeis und genossen die warmen Sonnenstrahlen.

Die Welt hätte so schön sein können, wäre da nicht dieses poppige kleine Autochen mit seinem lärmenden Inhalt, der keine ruhige Zukunft verhieß. Trotzdem schloss ich die Augen und begann ein bisschen zu dösen. Mit einem Mal verspürte ich ein leichtes Zupfen an meinem rechten Arm. Als ich aufschaute, blickte ich in wunderschöne lakritzfarbene Augen. Der kleine Bursche, dem sie gehörten, fragte: „Wie heißt du denn? Ich bin der Marlow.“ Mit diesen Worten streckte der ungefähr vierjährige Bursche mir strahlend seine kleine Patschhand entgegen. Dieser Charmeoffensive konnte ich mich nicht entziehen, und so antwortet ich: „Hallo, ich bin die Claudia. Willst du vielleicht ein Vanilleeis?“ Mein Mann warf mir über den Rand seiner Sonnenbrille einen rügenden Blick zu, der ungefähr ausdrückte: „Du weißt doch,was wir abgemacht hatten?“

Egal, ich ging in den Wohnwagen, um meinem neuen Freund ein Eis zu holen. Bei meiner Rückkehr bot sich mir ein völlig neuer Anblick. In meinem Stuhl saß nun, mit den Beinen baumelnd, Marlow, und auf Haralds Schoss befand sich ein fröhlich plapperndes etwa 6-jähriges schwarz gelocktes Mädchen. Aber auch unser Hund Blanco verhielt sich wie ein Verräter. Er lag ausgestreckt auf dem Rücken und ließ sich von einem etwa 9-jährigen Mädchen den Bauch kraulen. Dabei gab er wohlige Grunzlaute von sich. Na ja, lange hatte unser Widerstand wirklich nicht gedauert.Wo war eigentlich die Mutter der kleinen Bande? Noch bevor ich die Frage stellen konnte, hörte ich die Rufe:„Mama, Mama“ und sah eine Frau, welche die Böschung, die zur Maggia führte, herauf kam. Sie trug ein etwa zwei jähriges Kind im Arm. Bereits von Weitem mahnte sie: „Kinder, ihr sollt doch die Leute nicht belästigen!“

Als nächstes drang Haralds Stimme an mein Ohr: „Aber nein, aber nein, wir freuen uns doch über diesen Besuch.“ Huch!! War das noch der Mann von vorhin? Später, als wir beim Abendessen saßen, begann die Frau von nebenan ihr Zelt aufzuschlagen. Sie verhielt sich recht ungeschickt dabei, Harald schob sich eine riesige Gabel Spaghetti in den Mund und verkündete kauend:„Die soll nur nicht glauben, dass ich ihr helfen werde. So Emanzen tun doch sowieso, als ob sie alles alleine können. Außerdem, wer bin ich denn, dass ich in meinem sauer verdienten Urlaub anderer Leute Zelte aufstelle?“Ich wusste gar nicht, wieso er sich dermaßen ereiferte, kein Mensch verlangte doch so etwas von ihm. Nun gut,ich trank einen großen Schluck Rotwein und genoss die laue Abendluft.

Ganz plötzlich setzte Regen ein. Unsere Nachbarin platzierte ihre Kinderschar in das pinkfarbene Autochen und mühte sich weiter mit dem Zeltaufbau ab. Unvermittelt stellte Harald nun fest: „Da kann man ja nicht zusehen! Ich geh mal helfen!“ Und genau dafür liebe ich ihn! Vielleicht braucht es manchmal wirklich eine Männerhand, denn es dauerte tatsächlich nicht lange, bis das Zelt stand. Der Regen hatte längst aufgehört. Harald lag nun schnarchend, mit sich selbst zufrieden, neben mir im Bett. Ich selbst schmökerte noch im Schein der kleinen Lampe in meinem Krimi. Die Spannung hatte gerade ihren Höhepunkt erreicht, als Blanco, der im Campingurlaub meist draußen vor dem Wohnwagen schlief, wie ein Wilder zu bellen begann. Mit einem Ruck drückte ich das Fenster auf und befahl: „Aus!!!“ Nach dem Motto, zuerst einmal den Hund ruhig stellen und dann sehen, was los ist.

Vor Blanco stand in einem bunt geblümten Schlafanzug unsere Nachbarin, Sie sagte: „Das macht nichts, ich habe keine Angst vor Hunden.“ Weiter erzählte sie: „Ich war schnell noch duschen, morgen früh wird mir die Zeit zu knapp. Bis die Kinder alle fertig sind, dauert es mindestens eine Stunde, und ich habe bereits um 9 Uhr einen Termin mit einem Makler, um mir ein Haus anzuschauen.“ Ich wünschte ihr eine gute Nacht und schloss das Fenster wieder. Mittlerweile war Harald erwacht und fragte: „Was ist denn los?“ „Ach, eigentlich nichts,“ erwiderte ich, „Blanco hat die Frau von nebenan gestellt. Sie trifft sich morgen mit einem Makler.“ Schon fast wieder im Land des Schlafs murmelte Harald: „Wir sollten sie mal fragen, ob wir auf ihre Kinder aufpassen sollen, die stören da doch sicher.“ Das war der allererste Schritt zu unserem Haus im Tessin, und genaugenommen kann man sogar sagen, dass Blanco Schuld hatte.

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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