Holunderlimonade – Mein Großvater und ich

Für mich bestand die ganze Welt lange Jahre nur aus unserem kleinen Dorf, den Feldern und Wäldern, die es umrahmten. Ich wuchs mit unzähligen Pflanzen und allerlei Tieren auf. Das bäuerliche Anwesen meines Großvaters war für eine Kindheit wie geschaffen: Die große Scheune und die Ställe stellten ein Paradies für die verschiedensten Spiele dar.

Den Jahreszeiten entsprechend umgaben den Hof wechselnde Wohlgerüche. Am nachhaltigsten hat sich bei mir der Duft des mächtigen Holunderstrauchs eingeprägt, der neben der Eingangstüre wuchs. Ich hörte einmal, wie Großmutter sagte: „Jedes Haus braucht einen ordentlichen Holunder, schließlich kann man nicht bei allen Zipperlein den Doktor holen.“ Offensichtlich stellte der Strauch die Heilpflanze des Hauses dar.
Im Frühling, wenn der Holunder üppig blühte, fabrizierte Großmutter unzählige Flaschen Holundersirup und Holunderlimonade. Schickte sie mich in den Laden, um Weinsteinsäure und Zitronen für die Zubereitung zu holen, trat ich den Weg ohne zu murren an. Da ich für Holunderlimonade schwärmte, wäre ich sogar bis in das nächste Dorf gelaufen, um die Zutaten herbeizuholen. Nie wieder in meinem ganzen Leben ist mir ein Getränk begegnet, welches derart köstlich schmeckte, wie Großmutters wundervolles Gebräu. Standen die gefüllten bauchigen Ballonflaschen, die sich in geflochtenen Weidenkörben befanden, welche dick mit Holzstroh ausgepolstert waren, zum Gären im Keller, zog das Aroma des Holunders durch das ganze Haus. Selbst in meinem Geheimversteck auf dem Dachboden konnte ich diesen Duft, der die Maienzeit verkörperte, noch inhalieren.

Im Spätsommer bog sich der Holunderstrauch neben der Haustüre unter gewaltigen reifen Dolden. Nun setzte Großmutter aus diesen nachtschwarzen Früchten Likör an. Sie bereitete aber auch einen gallebitteren Hustensaft daraus. Beides liebte Großvater: den Likör aus Leidenschaft für das Alkoholische und den Hustensaft aus Not. Ihn plagte fast die gesamte Winterzeit über Husten. Auf Grund dieses Hustens fiel es mir meist leicht, meinen Großvater zu finden. Denn hatte ich einmal Langeweile, so gesellte ich mich am liebsten zu ihm, und das obwohl er eigentlich ein großer Schweiger war.

Mein Großvater schätzte die Stille. Wir beiden konnten unheimlich lange im Stall zusammen auf Strohballen sitzen und die Tiere beobachten, ohne auch nur ein einziges Wort miteinander zu wechseln. Tat eine Kuh oder ein Kälbchen etwas Ungewöhnliches, so verständigten wir uns einfach nur mit Blicken. Das funktionierte sogar so gut, dass wir beide zur gleichen Zeit loslachten, wenn es sich um etwas Drolliges handelte. Manchmal aber unterbrach Großvater das Schweigen, um mir Regeln mit auf den Weg zu geben. So ermahnte er mich eindringlich: „Kind, unterschreibe nie im Leben einen Wechsel, egal was kommt!“ Auch schien er sich bereits um meine Verheiratung Gedanken zu machen, denn ebenso oft drang seine raue Stimme mit den Worten „Heirate auf gar keinen Fall einen Katholiken“ an mein kindliches Ohr. Obwohl mir sowohl Wechsel als auch Heirat gänzlich egal waren, nickte ich dann immer zustimmend. Das schien Großvater zu beruhigen, und so fuhr er meist fort, weitere Lebensweisheiten kund zu tun. Am lustigsten fand ich es, wenn er sagte: „Ein Tritt in den Hintern ist für manche Menschen zwei Schritte nach vorne.“ Ich konnte mir das Bild so schön vorstellen, wie jemand in den Hintern getreten bekam und nach vorne purzelte. Aber so direkt meinte Großvater das wohl nicht.

Großvater war mit Leib und Seele Landwirt. Seine Wiesen, Äcker und Waldstücke, die um das Dorf verteilt lagen, liebte und hegte er ebenso wie seine Tiere. Für ihn lebten die Bäume, weshalb er mir einschärfte, immer aufzupassen, wo Bäume ohne Sinn und Verstand gefällt werden. Denn Menschen, die den Wert von Bäumen nicht erkennen, seien mit Vorsicht zu genießen. Er war es auch, der mich lehrte, dass es einige Menschenleben braucht, bis so mancher Baum seine staatliche Größe erreichte, es aber manchmal nur eine halbe Stunde dauert, einen Baum zu fällen.

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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