Episoden aus dem Leben von Zwei und Vierbeinern

Unsere Hündin Paula bekommt  Junge

Alles fing damit an, dass der Malermeister Hempel unser Wohnzimmer renovierte.Er hatte sein antik anmutendes, überdimensional großes Kofferradio mitgebracht, auf der Fensterbank deponiert und unseren Kindern eingeschärft, auf gar keinen Fall daran herumzudrehen. Dem vierjährigen Jens drohte er sogar: „Wenn ich dich an meinem Radio erwische, streiche ich dich von oben bis unten grün an.“ Woraufhin Jensi weinend zu mir in die Küche gestürmt kam und aufgebracht rief: „Ich will nicht grün sein!!!“ Ich nahm den kleinen aufgelösten Kerl auf meinen Schoß, trocknete seine dicken Tränen, drückte ihn an mich und sagte in überzeugendem Ton: „Der Malermeister Hempel malt hier niemanden grün an, das schwöre ich dir!“

Zum Glück glaubte Jensi damals noch, dass ich alles auf der Welt regeln könnte, und so beruhigte er sich wieder. Dann ging ich ins Wohnzimmer, um nachzuschauen, ob der Malermeister Hempel etwas benötigte, vielleicht hatte er ja Lust auf eine Tasse Kaffee oder Tee, und so ganz nebenbei wollte ich ihm stecken, dass „Angst machen“ nicht unserer Vorstellung von Erziehen entsprach.Aus dem Radiogerät auf der Fensterbank drang ohrenbetäubende alte Schlagermusik, zu Welcher der Malermeister Hempel seinen Pinsel schwang. Er trug eine geräumige Latzhose, in die er gut und gerne zweimal reingepasst hätte, auf seinem feuerroten Haar saß ein aus Zeitungspapier gefalteter Hut. Lauthals und gut gelaunt sang er im Chor mit Vico Torriani: „In der Schweiz, in der Schweiz, hat alles seinen besonderen Reiz .,.“ Als ich ihn sanft an der Schulter berührte, schrak er zusammen, da er mich nicht ins Zimmer kommen gehört hatte.

Er drehte die Musik leise, und ich fragte, ob er etwas trinken möchte. Daraufhin schüttelte er so energisch mit dem Kopf, dass die Vermutung aufkommen könnte, ich hätte ihm etwas Unanständiges angeboten. Malermeister Hempel deutete mit seinem massigen Zeigefinger auf eine Thermoskanne, die aus seiner abgewetzten Ledertasche hervorschaute und verkündete stolz: „Ich bin Selbstversorger!“ Und voller Inbrunst fügte er hinzu: „Weiß ich doch, dass die meisten Weiber nicht in der Lage sind, anständigen Kaffee zu kochen!“ Nun gut,darüber wollte ich mit Malermeister Hempel nicht diskutieren, schließlich schien er seine Erfahrungswerte zuhaben, aber meinem kleinen Jensi zuliebe musste ich die Drohung aussprechen. Deshalb sagte ich: „Ach, Herr Hempel“, woraufhin er mich mit den Worten: „Sie können ruhig du und Willi zu mir sagen“, unterbrach. Ich blieb aber lieber bei „Herr Hempel“ und kam endlich zum Punkt: „Ich möchte Sie bitten, meinen kleinen Buben nicht noch einmal zu erschrecken.“

Malermeister Hempel machte eine wegwerfende Handbewegung und wiegelte ab: „Ach die Burschen können schon was vertragen! Was glauben Sie, was mir mein Vater den Hosenboden stramm gezogen hat, und ist aus mir etwa nichts geworden?“ Da ich ahnte, dass ein Austausch über verschiedene Erziehungsstile hier nicht viel bringen Würde, bekräftigte ich nur: „Mir wäre es aber lieber, wenn Sie Jensi nicht solche Dinge androhen würden. “Malermeister Hempel, der inzwischen sein Frühstück ausgepackt hatte und herzhaft in ein gewaltiges Schinkenbrot biss, erwiderte kauend: „Ist schon gut, Gnädigste.“ Ich war schon dabei, mich umzudrehen und wieder in die Küche zurückzugehen, als ich hörte: „Ich hätte da noch mal eine Frage.“ „Ja, bitte.“ Unter Schmatzgeräuschen wollte er wissen: „Ist der weiße Pudel, den ich vorhin im Korridor gesehen habe, weiblich?“ „Ja, das ist Paula“,antwortete ich. Malermeister Hempel schob seinen Hut zurück, kratzte sich ausgiebig am Kopf und fragte: „Ist Ihre Hündin vielleicht im besten Alter?“ Ich Wusste nicht so recht, worauf er hinaus wollte und erkundigte mich:„Wie meinen Sie das?“ Etwas verlegen dreinblickend, erwiderte er: „Na ja, ich habe mir überlegt, dass mein Pudel Zorro doch mal eine Hündin decken könnte.“

Malermeister Hempel schien seine Idee zu gefallen, denn seine Augen blitzten leidenschaftlich auf, Ich selbst muss wohl ein abweisendes Gesicht gemacht haben. So begann er, Zorros Vorzüge aufzuzählen: „Er ist ein ganz feiner Bursche, gehorcht aufs Wort, frisst nur sehr wenig und kann im Takt von Musik mit dem Schwanz wedeln.“ Seufzend fügte er an: „So ein Prachtexemplar muss doch Nachkommen zeugen! Meinen Sie nicht auch?“ Nun war ich überfordert, über dieses Thema hatte ich mir noch nie in meinem Leben Gedanken gemacht. Da Malermeister Hempel mich aber erwartungsvoll anstarrte und auf eine Antwort zu warten schien, verwies ich darauf, dass eine derart wichtige Entscheidung bei uns im Familienrat gefällt werden müsse. Und so kam es, dass ich nach dem Abendessen, als alle noch um den Küchentisch herumsaßen, die Frage stellte: „Was haltet ihr davon, wenn unsere Paula Hundebabys bekommen würde?“

Mein Mann Bernd schaute erstaunt über den Rand seiner Brille, aber die drei Kinder schrieen augenblicklich vor Begeisterung auf. Die Mittlere,die 8-jährige Sophie, begann sogar vor Freude um den Tisch herumzutanzen. Sie sang dabei: „Ich wünsch mir sieben kleine Hunde.“ Unser Ältester, Robert, immerhin bereits stolze ll Jahre alt, machte ein ernstes Gesicht und stellte fest: „Das geht nicht.“ „Warum nicht?“, wollte Sophie wissen. „Weil Paula dazu einen Mann benötigt“, antwortete ihr Bruder bedeutungsvoll. Bevor Robert sein ganzes Wissen aus dem Aufklärungsunterricht kundtat, unterbrach ich die beiden, indem ich sagte, dass wir bereits über einen Bewerber namens Zorro verfügten. Für einen kurzen Moment trat Ruhe ein, bis Sophie im weinerlichen Ton aufbegehrte, dass sie nicht wolle, dass der Vater von Paulas Hundebabys einen so hässlichen Namen wie Zorro habe. Robert tippte sich an die Stirn und belehrte sie: „Bist du vielleicht blöd. Es kommt nicht auf den Namen an, sondern auf die Erbanlagen!“ Er schien wirklich gut aufgepasst zu haben in der Biologiestunde. Nun meldete sich auch der kleine Jensi zu Wort, er wollte wissen: „Kann ich dann ein Hundbaby haben, das bei mir im Bett schläft?“

Daraufhin sagte mein Mann Bernd mit seiner sonoren Stimme zu mir: „Also, ich würde es gut finden, wenn unsere Kinder solch ein Ereignis einmal miterleben könnten.“ Mir war die Sache irgendwie nicht geheuer. Zu oft war es schon passiert, dass die ganze Familie Feuer und Flamme für etwas war und am Ende alles an mir hängen blieb, So forderte ich in die Runde hinein: „Ihr müsst aber alle helfen.“ Zu Bernd gewandt, äußerte ich meine Bedenken im Hinblick auf die Geburt. Schließlich war ich ein Stadtkind und hatte von solchen Sachen nicht die geringste Ahnung. Großspurig beruhigte mich mein Mann mit den Worten: „Dafür hast du ja mich,einen Buben vom Land, geheiratet, und außerdem habe ich, wenn es so weit ist, als Lehrer dann ja auch große Ferien. Mach dir mal keine Gedanken und überlass alles getrost mir.“ Also war es beschlossen, Paula sollte junge Hunde bekommen.

Gleich am nächsten Morgen, als Malermeister Hempel, fröhlich vor sich hin pfeifend, mit einem Eimer Farbe und seiner abgewetzten Ledertasche in den Händen erschien, eröffnete ich ihm, dass wir seinen Zorro als Hundevater für Paulas zukünftige Kinder akzeptierten. Er strahlte, so als ob ich ihm ein großes Geschenk gemacht hätte, zog ein riesiges, unmodernes Handy aus der Arbeitshose, wählte mit zittrigen Fingern eine Nummer und rief mit lauter Stimme in den Hörer: „Hilde! Hilde! Bring gleich mal den Zorro in den Fliederweg 25.“

Das ging mir nun doch zu flugs, so schnell hatte ich eigentlich nicht damit gerechnet. Obwohl??? Paula hatte gerade ihre Zeit, aber musste man Paula da nicht seelisch erst drauf vorbereiten. Das bedeutete doch einen riesigen Schritt in ihrem Hundeleben? Andererseits waren die Kinder bis auf den kleinen Jensi, der gerade friedlich in seinem Zimmer spielte, in der Schule, und es war mir schon lieb, wenn „die Angelegenheit“ ohne die Großen vor sich ging.

Die Hempels entpuppten sich wirklich als schnelle Leute. Ich hatte meinen inneren Monolog kaum beendet, als auch schon ein kleines blaues Autochen scharf vor unserem Gartenzaun abbremste. Auf der Fahrerseite saß eine etwas rundliche, freundlich aussehende Frau, und aus dem Seitenfenster der Beifahrerseite schaute gewitzt ein rabenschwarzer Pudel heraus. Das hatte Malermeister Hempel aber nicht erwähnt, dass sein Zorro schwarz ist!!! Paula schneeweiß und Zorro rabenschwarz, das würde ja eine schöne Mischung werden!!! Markerschütterndes Bellen riss mich aus meiner Überlegung. Zorro forderte energisch, aus dem Wagen gelassen zu werden. Schlagartig wurde ich nervös, wie sollte das Ganze denn überhaupt ablaufen? Ich hatte mir zwar schon über die Geburt Gedanken gemacht, aber an die Entstehung der Hundebabys hatte ich noch keinen einzigen Gedanken verschwendet.

Ich brauchte mir keine Sorgen zu machen. Es ging alles wie von selbst, Zorro stürmte in den Garten, schnupperte kurz an Paula und machte sich ohne ein längeres Vorspiel sogleich an die Arbeit. Und was soll ich sagen, vielleicht hat die Natur das so eingerichtet, um ein Aussterben zu verhindern. Unsere Paula drückte sich dem rabenschwarzen Verführer entgegen, so als ob…

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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