Die 4 Sexgöttinnen: Katrin und Natascha

Es ist Samstagmorgen und Katrin räkelt sich genüsslich in ihrem Bett. Sollte sie noch ein bisschen schlafen oder sich lieber schon die geliebte Tasse Milchkaffee zubereiten? Auf jeden Fall will sie diesen freien Tag in vollen Zügen genießen. Ach, ist das Leben schön, wenn man nicht arbeiten muss!

Sie entscheidet sich für eine dampfend heiße Tasse Kaffee im Bett. Ein paar dicke Kissen in den Rücken, nichts denken, nichts lesen, einfach nur Kaffee schlürfen und den Tag langsam angehen lassen. So schlurft sie in ihren uralten Micky-Maus-Hausschuhen in die Küche und wirft die Kaffeemaschine an. Als der Kaffee zischend in die Tasse läuft, schaut sie an sich herunter und denkt, es wird Zeit, dass ich mir mal ein paar schicke Nachthemden kaufe. Das verwaschene, lilafarbene Big Shirt mit dem gelben Aufdruck „Ich bin gegen Atomkraft“ stammte noch aus der rebellischen Phase ihrer Schulzeit.

In solch einem Aufzug konnte sie Johannes keinesfalls unter die Augen treten. J o h a n n e s, dieser Name klingt wie Karamellbonbons. Ach, dieser Mann ist aber auch so stilvoll und so zärtlich. Welch ein Glück, dass ihr so ein Wahnsinnstyp über den Weg gelaufen ist. Wenn er das nächste Mal zu ihr kommt, will sie unbedingt einen Traum aus Seide tragen. Überhaupt, sollte sie nicht ein bisschen mehr auf sich achten??? In diesem Moment fällt ihr Blick auf die einsame Avocado in der Obstschale. Genau das ist es: eine Avocado-Maske. Das würde ihren Teint in neuer Frische erstrahlen lassen.

Flink zerdrückt sie die reife Frucht mit einer Gabel zu einem feinen Brei, den sie sofort gleichmäßig auf Gesicht und Hals aufträgt. Dabei saut sie den Kragen ihres Big Shirts ein. Was soll’s, sie würde das Ding nachher sowieso in den Müll werfen. Schließlich beginnt nun, dank Johannes, eine völlig neue Zeit in ihrem Leben.

Als sie mit ihrer Jumbotasse Milchkaffee in der Hand am Flurspiegel vorbeigeht und hineinschaut, findet sie ihren Aufzug dermaßen lustig, dass sie schallend loslacht. Irgendwie sieht sie aus wie „Kermit, der Frosch“, nur noch viel scheußlicher.

Gut gelaunt, stellt Katrin im Schlafzimmer das Radio an. Da die Avocado-Maske inzwischen eine feste Kruste bildet, türmt sie die vielen Kissen in ihrem Bett zu einer Kissenburg auf und lässt sich hinein plumpsen. Es geht ihr einfach gut! Als Grönemeyers Hit „Männer“ aus dem Radio schallt, dreht sie richtig laut auf und singt aus voller Kehle mit: „Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich …“
So hört sie zuerst nicht, dass es an ihrer Tür schellt. Als sie den Ton wahrnimmt, denkt sie: „Puh, heute hab ich frei, also mache ich nicht auf. Mir doch egal, wer auch immer das sein mag.“ Katrin singt mit Grönemeyer im Chor weiter: „Männer nehmen in den Arm, Männer geben Geborgenheit, Männer brauchen viel Zärtlichkeit, Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich …“
Langsam nervt sie der anhaltende Klingelton. Wer da bloß so hartnäckig ist? Vielleicht ist es ja eine ihrer Freundinnen? Ach Quatsch, samstagmorgens besucht man sich einfach nicht.

Da Neugier die mächtigste Antriebskraft im Universum ist, schleicht Katrin nun doch zum Spion in der Türe. Vorsichtig, um auch ja keinen Lärm zu verursachen, legt sie ein Auge an die winzige Linse. Huch, da steht eine aufgebrezelte Tussi, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hat. Vielleicht eine Zeitschriftenwerberin? Nein, dafür ist sie einfach zu schick gekleidet, oder handelt es sich vielleicht um eine von den Zeugen Jehovas?

Das fehlte ihr gerade noch. Was bilden sich diese Leute überhaupt ein? Arbeitende Menschen am helllichten Samstagmorgen zu belästigen, das ist doch wirklich eine richtiggehende Frechheit. Aus diesem Impuls heraus, ohne weiter zu überlegen, reißt Katrin mit einem kräftigen Ruck die Eingangstüre auf und brüllt: „Ich weiß selbst, an was ich glauben soll, dazu brauche ich Sie nicht!“ Die fremde Besucherin tritt erschrocken einen Schritt zurück und scheint zuerst einmal sprachlos.

Dann gleitet ihr Blick langsam und abschätzend über Katrins ungewöhnliche Erscheinung. Bewusst oder unbewusst schüttelt sie mit dem Kopf und murmelt: „So hatte ich Sie mir nicht vorgestellt.“ Dann räuspert sie sich und fragt: „Sie sind doch Katrin Neubauer?“ Katrin denkt immer noch, dass die Frau sie reformieren will, außerdem ist sie über die Störung ihrer Morgenruhe erbost, und so faucht sie wütend: „Ich finde es unverschämt, dass ihr die Leute nicht in Ruhe lasst!“

Die Besucherin räuspert sich erneut und sagt: „Ich für meinen Teil finde es unverschämt, dass Sie meinen Mann nicht in Ruhe lassen.“ „Wie bitte???“ „Ja, Sie haben richtig gehört, ich wollte Sie bitten, die Finger von meinem Mann zu lassen.“ Was ist das denn für eine Verrückte? „Ich kenne ihren Mann doch überhaupt nicht!“, stößt Katrin hervor. „Oh doch!“, erwidert die Besucherin und unterstreicht diese Worte mit einem kräftigen Nicken. Katrin überlegt fieberhaft, wie sie die Verrückte wieder loswerden kann?
Ganz einfach: Mit einem heftigen Ruck schlägt sie die Wohnungstüre zu. Jetzt muss sie sich wirklich erst einmal sammeln. Was aber auch alles frei herumläuft, die gehört doch definitiv in eine Anstalt, dabei ist sie so gut gekleidet. Genau genommen sieht die komische Tussi richtig nach Geld aus, aber wer sagt denn eigentlich, dass Irre schlecht gekleidete Leute sind, geht es Katrin durch den Kopf.

In der Absicht sich mit einem weiteren Milchkaffee zu stärken, schlurft sie zur Kaffeemaschine. Irgendwie ist ihre gute Laune von vorhin verflogen. Das war jetzt aber auch wirklich komisch gewesen. Schlagartig fällt ihr ein, sie muss ja die Maske abnehmen. Als sie kurz darauf im Badezimmer mit lauwarmem Wasser die Avocado abspült, dringt erneut das Geräusch der Türklingel durch das des laufenden Wassers. Katrin trocknet sich das Gesicht ab und denkt: „Jetzt reicht es aber wirklich.“ Wütend läuft sie zur Türe, reißt sie auf und schreit: „Lassen Sie mich in Ruhe!“

Die Besucherin lässt sich nicht erschüttern. Sie fragt seelenruhig: „Darf ich bitte hereinkommen?“ Katrin reagiert nicht auf diese Aufforderung. Sie will gerade die Türe wieder zuwerfen, als sie sieht, dass die Frau ihren eleganten beigefarbenen Stöckelschuh im Türrahmen platziert und appelliert: „Bleiben Sie doch bitte ruhig, wir sollten unser Problem wirklich nicht auf dem Korridor klären.“ „Ich habe keine Probleme und Ihre interessieren mich nicht“, gibt Karin zurück. „Da täuschen Sie sich aber gewaltig“, entfährt es den sorgfältig geschminkten Lippen der Frau. „Ich sage nur den Namen J o h a n n e s!“

Katrin fühlt sich plötzlich, als ob ein Stromschlag sie durchfahren würde. Das ist doch nicht wahr, das hier träumt sie doch nur? „Also, darf ich jetzt endlich reinkommen?“, hört sie die fremde Stimme erneut fordern. Kraftlos tritt Katrin einen Schritt zurück und gibt den Weg in ihre Wohnung frei. Stolz und mit erhobenem Kopf stöckelt die Besucherin an ihr vorbei. Sie blickt sich neugierig im Flur um. „Wo bitte geht es in Ihr Wohnzimmer?“ Katrin zeigt wortlos auf die entsprechende Tür.

„Könnte ich einen Kaffee haben, aber bitte schwarz, ohne Milch und Zucker.“ Das ist typisch für solche Hungerhaken, denkt Katrin und geht in die Küche. Ihr ist mittlerweile alles egal, sogar, wie sie aussieht. Aber wer ist diese arrogante Kuh wirklich? Das muss sie jetzt gleich klären. Bevor Katrin jedoch dazu kommt, das Heft in die Hand zu nehmen, verkündet ihre Besucherin: „Angesichts der Tatsachen sollten wir uns duzen, also mein Name ist Natascha.“ „Angesichts welcher Tatsachen?“, fragt Katrin zurück. „Sie sind der letzte One-Night-Stand meines Mannes!“

Diese Formulierung erschlägt Katrin regelrecht, und so äußert sie erst einmal nichts. Natascha schweigt nun ebenfalls, wahrscheinlich um ihre Aussage nachwirken zu lassen. Derweilen inspiziert sie mit gekräuselter Oberlippe das rote Herzchenmuster der Kaffeetasse. Übergangslos unterbricht sie die Stille: „Ich habe immer gedacht, dass Johannes Geschmack hätte, aber was ich hier sehe, lässt mich stark an dieser Meinung zweifeln.“ Katrin sagt immer noch nichts. Sie fühlt sich unbeschreiblich unterlegen. Warum hat sie auch nur dieses dämliche Big Shirt an? Inzwischen mustert die Besucherin mit überaus kritischem Blick ihre geliebten Micky-Maus-Hausschuhe. Katrin würde sich am liebsten in den Hintern beißen, dass diese Ziege sie auf dem falschen Fuß erwischt hat. Da tönt die arrogante Stimme erneut an ihr Ohr: „Entschuldigen Sie, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, wenn Sie sich für unser Gespräch was Anständiges anziehen? Dieses H e m d c h e n“, sie deutet mit dem Finger auf Katrins Big Shirt, „verletzt mein ästhetisches Empfinden.“

Katrin braucht nur einen kurzen Moment, um sich zu sammeln. Sie strafft ihren Rücken, so wie sie es bei einem Sparkassen-Seminar, um dem Kunden aufrecht gegenüber zu sitzen, gelernt hat. Dann bricht es aus ihr heraus: „Das ist meine Wohnung, in die S i e unaufgefordert eingedrungen sind, das ist mein Kaffee, den S i e hier trinken, und ich lasse mich ab sofort nicht mehr von Ihnen beleidigen, entweder Sie sagen, was Sie meinen sagen zu müssen, in einem annehmbaren Ton oder Sie verlassen augenblicklich meine Wohnung.“

„Donnerwetter! So viel Courage hätte ich Ihnen gar nicht zugetraut. Aber gut, lassen Sie uns Klartext reden. Also, Johannes ist mein Mann, und ich verbiete Ihnen, sich noch einmal mit ihm zu treffen. Ist das klar?“ Die hat doch wirklich einen an der Waffel, schießt es Katrin durch den Kopf. „So jetzt reicht es! Gehen Sie bitte, sonst rufe ich die Polizei wegen Hausfriedensbruch.“ Tatsächlich erhebt Natascha sich von der Couch, streicht mit einer betont lässigen Geste den edlen Rock ihres verdammt teuer aussehenden Kostüms zurecht, um sich dann mit würdevollen, langsamen Schritten in Richtung Tür zu bewegen. Sie dreht sich um und sagt: „Nur eins noch, mein Gatte hat außer einer Ehefrau auch noch eine feste Freundin, also wären Sie die dritte im Bunde. Ich finde, das sollten Sie wissen.“

© 2008 Dr. Claudia Grimm
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